Die Werke von

      Annette von Drosteknüllsdoch

 

Imperativ, konstruktiv mit Löffel

Bringe Dinge nicht ins Lot,
wenn dir dein Desaster droht,
weil es sich dann nicht mehr lohnt.
Nimm dich auch nicht mehr in Acht,
weil es sich ganz heiter lacht,
wo die große Ruhe wohnt.
Lasse Frieden, Freude, Segen,
jenen, die ihr Ego pflegen,
weil das ihre Eier schont.
Und gib auch deinen Löffel ab,
den brauchst du nämlich nicht im Grab.

(Jamuar 2009)


* * *

Der Knabe im Chor

Oh schaurig ist es im Chor zu stehen,
wenn die Gören gröhlen im Winde.
Niemand hat Freude, das kann man wohl sehen,
Im Kalten zu stehen, zu singen vom Kinde...

Klammheimlich ergreift ein Knabe die Flucht,
Im Freien zu singen ist ihm verrucht.
Schon bricht er durchs rettende Unterholz,
vergessen der Chor, vergessen sein Stolz.

Still ruht der See, es schweigt das Moor,
das kommt dem Knaben seltsam vor.
Ihn packt die Angst, drum singt er laut,
weil es ihn auch vor den Föhren graut.

Der Weg ist weit, der Weg ist leer,
der Knabe zittert immer mehr.
Die Erlen sind heut ohne König,
auch das bedrückt den kleinen Mann nicht wenig.

Er wünscht sich warme Füß' am Feuer,
ihm ist das alles nicht geheuer.
Er stöhntt vor Angst, beginnt zu beten
und seine Chorfibel zu kneten.

Und endlich! Da! In weiter Ferne
Ein Licht in Sicht! Dort wär' er gerne.
Sein Schritt wird schnell und immer schneller,
das Licht... nur langsam wird es etwas heller.

Dorthin wünscht sich das arme Kind,
Wo Urahn und Mutter beisammen sind.
Er erreicht das Haus voll Angst und Qual.
Nie wieder Chor, das war einmal!

(Dezember 2006)


* * *

 

Tags auf einer Lichtung

Liegst du auf einer Lichtung brach,
Denk' nur nicht über Dichtung nach!
Die Wolken tummeln sich im Licht
Und schummeln sich in dein Gedicht.
Gar grausig wird's, man sieht es hier;
Da wird der Vers zum Ungetier.
Dem Reim ist jedes Schütteln recht,
bekommt der Dichtung aber schlecht.
Nicht dicht wird's,
Eher schlicht wird's.
Schlaf lieber ein auf deiner Lichtung.
So kommt kein Mief in deine Dichtung
.

 

(10.09.02)

 

 ausführliche Renzension dazu <hier>

 

 

               * * *

 

 

    Lilly und Willi

                 oder
"Was man nicht sehen will ..."

Mitternacht, im Spitzenhäubchen
spielt die Lilly heut' das Täubchen,
und gar keck zum Glockenschlage
zeigt sie gurrend eine Wade,
Schamesröte im Gesicht.
Willi aber sieht es nicht.

Also tauscht sie flugs ihr Leibchen
gegen ein hauchdünnes Kleidchen
- dreisteres tat sie noch nie!  -
ärmellos fast bis zum Knie,
schamesrot wie ihr Gesicht.
Willi aber sieht es nicht.

Lilly ahnt nun Desint'resse,
und versucht sich als Maitresse.
Sie befreit sich rasch vom Mieder,
sinkt dann so vor ihm darnieder,
ihre Wagen schamesrot.
Nur - ist Willi leider tot.

 

(14.09.02)

 

 

                * * *

 

 

Viel Lärm um nichts

                    oder

Das weibliche Familiensyndrom

 

 

An Töchter, Mütter, Tanten, Nichten:
Vermeidet einen Streit zu schlichten.
Denn seht, was gerade hier geschieht,
ist wieder nur das alte Lied:

Zwei Köpfe prallten aufeinander
und finden nicht mehr zueinander,
weil beide stur und störrisch sind,
denn eine ist der andern Kind.

Die Dritte sah die harte Schlacht
und hat dabei nicht mitgemacht.
Nun leidet sie den ganzen Tag,
weil sie ja alle beide mag.

Ganz schweigend sitzt sie zwischen Stühlen
und hadert mit den Blutsgefühlen,
die sie verbinden mit den andern,
und überlegt schon auszuwandern,

da kommt die Vierte auf die Bühne.
Die grübelt über Schuld und Sühne,
was dazu führt, dass sie bald denkt,
dass sie wohl allen gutes schenkt,

wenn sie versucht, den Streit zu schlichten.
Doch das wird kein Erfolg. Mitnichten!
Sie spricht mit Dickkopf Nummer Eins,
doch der bleibt stur, macht weiter seins.

Die Dritte ärgert sich inzwischen,
weil Vier es wagt, sich einzumischen.
Sie schnappt sich Nummer Zwei und spricht,
das sei der Vierten Sache nicht,

denn schließlich hielt selbst sie den Mund
und tat nicht ihre Meinung kund
zu diesem Dicke-Köpfe-Streit.
Nein, sie war still die ganze Zeit!

Solch’ Worte wurmen Nummer Zwei.
Sie startet flugs ein Mordsgeschrei
und macht die Nummer Drei zur Schnecke.
Und futsch ist die neutrale Ecke!

Drei hielte doch zu Eins, schon immer! -
Das macht die Sache nur noch schlimmer,
denn nun hat Drei den Schwarzen Peter
und erntet nichts mehr als Gezeter.

Inzwischen heult der ganze Haufen,
derweil sie fleißig weiter raufen.
Nur Vier und Zwei sind sich ganz einig:
Die Drei gehört sofort gesteinigt.

Und Drei erkennt jetzt, ungelogen,
dass sie die Arschkarte gezogen,
in diesem ganzen Lärm um nichts.
Erbost beschließt sie angesichts

der Ungerechtigkeit zu leiden
und hüllt sich wieder in ihr Schweigen,
beobachtet von fern betrübt,
wie die Familie Sturheit übt.

Jeder will ein Sieger sein,
das aber macht die Menschen klein.
Es kommt wohl nicht zu einer Schlichtung,
>es reichte nur für diese Dichtung.

 

(15.09.02)

 

 

                    * * *

 

                   Jubeltag

Beitrag zum internationalen Fest der Selbstmorde


Gibt es kein Aus, schon gar kein Ein,
dann lass das Leben Leben sein.
Such dir den schönsten aller Äste
und feier’ mit beim Selbstmordfeste.
Kauf' dazu einen Strick, der hält,
und spare nicht mit deinem Geld,
denn lachen sollen Erben nicht,
nach deinem Gang zum Selbstgericht.
Und singen solltest du! Ein Lied
verschönt noch jeden Suizid
und bringt die rechte Atmosphäre,
die sonst ja richtig traurig wäre.
Nein, heute sei dein Jubeltag,
auch wenn es anders ausseh'n mag.


* * *

Meyers Geständnis
auf dem Polizeirevier im Grunewald

Ich beging die Moritat,
weil ich in die Kotze trat,
die die Katze hinterlassen.

Ich bekam das Vieh zu fassen,
doch die Nachbarin schrie laut,
dass wer ihre Mieze klaut.
Also ließ ich diese sausen,
und sie lief schnell wieder mausen.
Ich indes blieb auch nicht faul,
schlug der Nachbarin aufs Maul,
weil sie weiter laut krakeelte,
was mich irgendwie beseelte:
Ich griff nach der Nachbarin,
und mir kam noch in den Sinn,
dass man Nachbarn nicht belästigt,
doch sie hat den Streit gefestigt,
denn sie trat mir in die Eier,
und ich dachte nur „Mensch Meyer,
was ist das für eine Qual!“
suchte Halt an ihrem Schal,
denn der hing ihr aus dem Kragen,
da schlug sie mir in den Magen!
Hilflos hing ich an den Enden,
ja, ganz fest, mit beiden Händen.
Erst wurd sie still, dann grau, dann grün,
und irgendwie schied sie dahin.
Ich wollte nicht erst lange warten
und vergrub sie gleich im Garten.
Dann hat die Katze über Nacht
das Loch doch wieder aufgebracht!
Ich hörte noch des Nachbarn Schrei
und kurz darauf kam Polizei.
Die fand den Schal auf meinem Beet,
da war es für mich wohl zu spät.
Was? Die Moral von der Geschicht?
Tritt bloß in Katzenkotze nicht!

* * *

  Ein Geist


Ein Geist, der immerzu auf andre scheißt,
nimmt nur sich selber gern in Kauf.
Ein Geist, der alle andren Menschen beißt,
zehrt sich letztendlich selber auf.
Ein Geist, der nur sich selber sieht und klagt,
sperrt sich in seinem Kummer ein.
Ein Geist, der ätzt und hadert und verzagt,
wird irgendwann sehr einsam sein.

Und die Moral von der Geschicht?
Manche Geister lernen nicht

 

 

 

 
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